Stillen ist politisch – Warum Muttermilch nicht kostenlos ist

Na-die-ja | 10. Juli 2025 | Netzwerktagebuch
Kategorie: persönlich-politisches Essay
Stichworte: Stillen, Elternschaft, feministische Perspektive, Mutterschaft, Gesellschaftspolitik, „Stillt nicht im Stillen!“

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Stillen ist politisch – Warum Muttermilch nicht kostenlos ist

Stillen ist politisch. Nicht im offensichtlichen Sinne, wie man es aus hitzigen Online-Diskussionen kennt. Sondern viel verborgener, um nicht zu sagen einsam, systemisch durch unsere Vorfahren geprägt. Und deshalb ist es umso bedeutender, darüber zu sprechen.

Stillen bedeutet für den Säugling mütterliche Nähe, einen Moment, in dem genau hingesehen wird, eine Auszeit vom hektischen Alltag. Es passiert Berührung, Mutter und Kind fühlen sich gegenseitig. Ja, auch die Mutter bekommt hier einen stillen Moment, der für sie mit Berührung und Hormonausschüttung begleitet ist. Stillen ist Schutz, Bindung, Austausch, Rückversicherung. Ein bekannter Ort. Das zusammen aufgebaute Nest. Nicht nur Nahrung, Trinken, Verdauung, Immunabwehr, Informationsaustausch auf zellulärer Ebene, ohne Worte. Saugen, Stressabbau, sich selbst beruhigen, regulieren, Schmerzstiller, Hormonhaushalt, Rückbildung … usw.

All das sollten Mutter und Kind für gewöhnlich ziemlich lange miteinander machen. Statistisch wird von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfohlen, mindestens 2 Jahre und darüber hinaus zu stillen. Praktisch hören die meisten etwa nach drei Monaten, spätestens dann aber nach einem Jahr wieder auf.

Stillen bedeutet auch Zeit. Zeit, die Frauen zuerst oft einfach selbstlos geben. Zeit, die oft unsichtbar bleibt – zu Hause in den eigenen vier Wänden oder versteckt in irgendeiner Ecke unter einem Stilltuch. Zeit, die ausgehalten werden muss, während andere im Leben weitermachen. Zeit, die oft in unserer Gesellschaft gar nicht honoriert wird.

Stillen ist eine zutiefst körperliche, soziale und politische Praxis. In einer Gesellschaft, in der Erwerbsarbeit zählt und das Bruttosozialprodukt als Messgröße für Erfolg gilt, wird Stillen schnell zum Nebenschauplatz – oder schlimmer, sogar zum Hindernis?

Zwischen Fortschritt und Flüstern der Vergangenheit 

Die Geschichte des Stillens ist eng verwoben mit der Geschichte der Frauenemanzipation. Für unsere Großmütter gab es kaum Verhütung – Kinder „kamen eben“. Die Mütter wurden oft ohne echte Wahlmöglichkeiten in Rollen gedrängt, in denen sie Haus, Kind, Küche und später auch noch Arbeit „nebenbei“ zu stemmen hatten.

Es entwickelten sich Alternativen: Saughilfen, Schnuller, die Flasche mit entsprechenden Ersatzprodukten (Prenahrungen …). Den Frauen wurde geholfen – und das war auch gut so!

Aber jetzt hängen wir in unserer europäischen Zwischengeneration, in der uns all diese Produkte zugänglich sind, in der auf marktwirtschaftlicher Ebene fälschlich suggeriert wird, wie toll sie sind – besser als das natürliche Stillen und die Milch der Mutter selbst? Und gleichzeitig flüstern die Stimmen unserer Großmütter zu uns, dass man wieder arbeiten müsse, sich als Frau nicht zu sehr in Care-Arbeit verlieren sollte.

Ist das denn noch aktuell? Ich habe mich doch (nicht wie meine Oma, die keine Wahl hatte) ganz aktiv für mein Kind entschieden. Ich habe bereits mein Studium abgeschlossen, bin ein paar Jahre im Beruf gewesen. Bin in etwa zehn Jahre älter als sie damals. Habe jetzt Zeit für ein Kind. Möchte mir die Zeit für mein Kind auch nehmen. Sie aktiv erleben und mich bestmöglich um es kümmern.
Schon höre ich die Stimmen, die mir suggerieren, ich dürfte nicht zu lange dafür vom Arbeitsmarkt verschwinden. Schon höre ich die vielen Stimmen anderer, die nicht vom Arbeitsmarkt verschwinden können, weil sie das Geld brauchen, und dann erinnere ich mich sogar an die, die im Supermarkt nach Prenahrung betteln, weil diese ihrer Familie sogar zweifach Geld einbringt, wenn ich sie kaufe – einerseits in Form der Nahrung selbst, die von mir gekauft werden soll, und dann in der Form, dass die Mama wieder arbeiten kann, wenn das Baby Prenahrung trinkt, anstatt gestillt zu werden. Ist das nicht ungerecht?

Ich wollte mich erstmal selber in der neuen Rolle orientieren und dann entscheiden, wie lange ich stille. Ich wusste, dass es gesundheitliche Vorteile bringt, und wollte natürlich mein Bestes geben, meinem Baby den gesundesten Start in dieses Leben zu ermöglichen. Also vielleicht, mindestens, so etwa ein Jahr?
Dann bekam ich mein Kind. Bin tatsächlich total verbunden mit meinem Baby und spüre auch im tiefsten Inneren, was ich mit dem Kind tun soll. Ich bin so froh, dass ich schon mal ein Jahr bezahlte Elternzeit habe, um dem Stillen frei nachgehen zu können.
Wenn das Baby weint, läuft die Milch automatisch aus meiner Brustwarze. Ich bin quasi automatisiert und verbunden. Ich finde es komisch, stattdessen einen Nuckel oder eine Flasche hineinzustecken.
Ich verstehe aber, wieso es viele Leute trotzdem noch tun –

Heute sind Frauen viel selbstbestimmter. Können sich häufig entscheiden, wann, wie oft, wie lange sie stillen, haben die Wahl. Uns stehen doch fast alle Möglichkeiten offen in unserem europäischen Luxusleben.

Aber wer genau hinsieht, merkt: Das stimmt so auch nicht. Die politischen Strukturen fürs Stillen haben sich nämlich kaum verändert. Unsere Großmütter flüstern noch zu uns.

Strukturen, die Mütter behindern 

Stillen wurde zu ihrer Zeit vom eigenen Körper abgelöst – und gesellschaftlich-politisch war es gewollt, dass Kinder schnell unabhängig von ihrer Mutter durchs Leben gehen. Nun lehne ich mich weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Da sehen wir ja heute, wohin uns das gebracht hat – bindungsunfähige Menschen, die im tiefsten Inneren Leere fühlen und nicht wirklich wissen, was Liebe ist.

Diese Behauptung stimmt natürlich nicht für alle. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – und nicht alles lässt sich ausschließlich auf das Stillen zurückführen.
Aber Stillen ist doch irgendwie der Anfang. Unsere erste Beziehung zueinander.

Ist es nicht offensichtlich seltsam, grundsätzlich zu behaupten, dass es besser sei, eine Flasche zu geben, als das Baby aus der Brust der Mama trinken zu lassen? Ist es nicht absurd, wenn es nuckeln will, einen Plastikproppen hineinzustecken, statt es an der Brust nuckeln zu lassen? Ist es nicht unnatürlich, es in eine Wippe zur Seite zu packen, anstatt es an der eigenen Haut zu wiegen?

Die Liste ließe sich noch fortsetzen.
Das heißt natürlich nicht, dass ich nie gedacht hätte, ich könnte das ewige Genuckel an meiner Brustwarze nicht mehr aushalten. Das heißt auch nicht, dass ich nicht jemals ein Hilfsmittel benutzt hätte – ein Kind großzuziehen ist nämlich ganz schön anstrengend. Und ich denke, jede:r sehnt sich nach Hilfen und Vereinfachung. Und es ist so, so gut, dass es diese gibt.

Aber genau an diesem Punkt hätte ich mir von meiner Oma – sinnbildlich für alte Strukturen und gesellschaftliche Stimmen (meine Oma ist toll!) – gewünscht, dass sie mir sagt, wie toll ich meine Mutterrolle mache.
Ich hätte mir gewünscht, dass sie mich bestärkt, weiterzumachen – weil es so gut ist. Für mein Baby. Für alle. Für die zukünftige Menschheit.

Sorgearbeit sichtbar machen 

Stillen ist nicht nur eine individuelle Entscheidung. Es ist eingebettet in Strukturen, die übersehen, wie zentral Mutterschaft für die Gesellschaft ist.

Stillen findet oft im Privaten statt, unterbricht aber das ganze Leben der Mutter. Es ist mit Schlafmangel, Schmerzen, Stillproblemen oder Isolation verbunden – besonders dann, wenn zusätzlich auch noch gesellschaftliche Gegenwehr laut wird und strukturelle Netze nicht greifen. Dann hört man eben schnell wieder auf mit dem Stillen.

Was meiner Meinung nach fehlt, ist ein gesellschaftliches Verständnis für all das. Mehr Sichtbarkeit.

Stillen ist nicht unangenehm oder gar eklig. Wir Mütter müssen uns nicht irgendwo verkriechen zum Stillen. Das Leben wird nämlich schon mal sehr viel einfacher, wenn man sein Kind in der Trage unterwegs stillen kann. Wenn man sich einfach irgendwo hinsetzen kann – oder beim Kaffee einfach nebenbei stillen kann, ohne dafür seltsame Blicke zu ernten (Übertreibung – oder etwa doch nicht?).

Stillzeit ist Arbeitszeit 

Auch Arbeitgeber können helfen – und zeigen, dass Stillzeit Arbeitszeit ist. Weil Mutterschaft Raum braucht. Weil Mütter mehr brauchen als Stillhormone – sie brauchen Anerkennung. Politisch, finanziell, strukturell.

Laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) aus dem Jahr 2022 haben nur 8 % der stillenden Arbeitnehmerinnen während der Arbeitszeit im Betrieb gestillt – 17 % nur außerhalb. Mehr als die Hälfte war während der Stillzeit in Elternzeit. (Quelle: Statista 2024 – Stillen während der Arbeitszeit in Deutschland)

Das sagt viel über unsere Arbeitswelt: Stillen ist nicht eingeplant, nicht mitgedacht, nicht gewollt – weil es Geld kostet und kein Geld bringt. Aus ökonomischer Sicht. Ökonomie über Fürsorge.

Dabei ist das Gegenteil der Fall: Muttermilch ist – rein ökonomisch betrachtet – ein unschätzbar wertvolles Gut. Sie stärkt die Immunabwehr, beugt Krankheiten vor, unterstützt die kindliche Entwicklung auf körperlicher wie emotionaler Ebene – und entlastet langfristig auch das Gesundheitssystem. Diese Form der Gesundheitsprävention wird jedoch weder honoriert noch in ihrer Tragweite anerkannt. Dabei ist sie nichts weniger als ein biologisches Meisterwerk: individuell zusammengesetzt, dynamisch, anpassungsfähig – eine perfekte Rückkopplung zwischen Mutter und Kind. Und genau diese Verbindung verdient gesellschaftliche Anerkennung, Schutz und strukturelle Förderung.

Wer bezahlt also, wenn nicht gestillt wird? Die Kosten tragen oft andere: die Krankenkassen, wenn Kinder häufiger krank werden; die Arbeitgeber:innen, wenn Eltern durch Krankheiten ihrer Kinder ausfallen; die Gesellschaft, wenn Bindungsabbrüche oder Regulationsstörungen langfristige Folgen zeigen.

Stillen ist damit nicht nur intime Fürsorge, sondern auch knallharte Gesundheitsprävention.

Was ich mir wünsche 

Verantwortung – nicht nur die der Mutter, sondern auch der Gesellschaft. Es geht um den Blick auf Sorgearbeit – und darum, wie wir sie gestalten. Hier sind wir dann wieder in der Politik, denn man kann die Gestaltung nicht einfach den Unternehmen selbst überlassen. Am Ende arbeitet dann nämlich jeder wieder maximal gewinnorientiert.
Ich wünsche mir:

  • Flexible Wiedereinstiegsmodelle mit echter Teilzeit
  • Integration und die Möglichkeit für Homeoffice
  • Stillfreundliche Kitas & Betriebe
  • Rücksprachen statt Standardverträge in Unternehmen
  • Sichtbarkeit & Aufklärung auf Führungsebene
  • Gesundheitsprävention
  • Kampagnen

Wenn Muttermilch ein anerkanntes Gesundheitsgut ist – wo bleiben dann die öffentlichen Kampagnen?

Warum gibt es keine Plakate an Bushaltestellen, keine Fernsehspots, keine Still-Motive auf Produktverpackungen? Warum nicht Werbefilme, in denen Mütter gestärkt werden – mit echten Bildern, echten Situationen, echter Fürsorge?

Stattdessen überlassen wir das Thema der Industrie: Werbemaschinen für Ersatzprodukte, schön verpackt, wissenschaftlich getarnt – dabei längst Teil einer milliardenschweren Wirtschaft. Und währenddessen stillen Mütter im Verborgenen, kämpfen mit Schmerzen, Zweifeln, Zeitdruck. Ohne System, das sie auffängt.

Was wir brauchen, sind echte Investitionen: in Aufklärung, Infrastruktur und gesellschaftlichen Rückhalt. Stillen gehört nicht nur ins Wohnzimmer, sondern auf die Bühne – sichtbar, normalisiert, wertgeschätzt.

Möglicherweise gibt es da draußen ja schon ganz tolle Unternehmen, die bereits einen Blick für diese besondere Care-Arbeit der stillenden Frauen haben? (Schreibt mir – ich würde euch gern sichtbar machen!)

Ich selbst habe leider keine Übergangslösung bei meiner Rückkehr vorgefunden – und bin stattdessen auf starre Zeiten, mangelnde Flexibilität und die unausgesprochene Erwartung getroffen, dass mein Kind nun abgegeben und ich wieder voll einsatzfähig sein sollte. Ich habe bei meinem Wiedereinstieg noch gestillt.
Ich habe gespürt, wie viel Gesellschaft sich über diesen vermeintlich privaten Akt mitteilt: Erwartungen, Zeitvorgaben, Erziehungsnormen, Rückkehrpflicht. Und ich habe gemerkt: Viele hören auf, weil es sonst zu kompliziert wird. Nicht, weil sie es wollen – sondern weil die Strukturen so starr sind, dass Stillen zum Stolperstein wird.
Stillen darf kein romantisiertes Ideal sein, dem man sich unterwirft. Aber auch kein Opfer, das man im Verborgenen bringt.

Liebe stillende Mütter da draußen: Ihr leistet unsere menschliche Essenz – die pure, selbstlose Liebe. Lasst euch nicht verunsichern! Stillt nicht im Stillen – und dann irgendwann gar nicht mehr. Werdet sichtbar! Denn Sichtbarkeit ist der erste Schritt zur Veränderung.

„Stillt nicht im Stillen!“

Fazit 

Stillen ist mehr als ein selbstverständlicher weiblicher Akt. Es ist eine gesellschaftliche Haltung. Es ist Zeit – und damit auch eine politische Entscheidung.
Eine Entscheidung, die mitträgt, was wir als Gesellschaft für wichtig halten. Und wie viel Platz wir Fürsorge wirklich einräumen wollen.

Wenn wir wollen, dass Kinder sicher aufwachsen, dass Bindung entstehen kann, dass Eltern ihre Rolle leben dürfen, dann müssen wir den Raum dafür schaffen. Nicht nur symbolisch, sondern konkret: durch Gesetze, durch Strukturen, durch Bilder, durch Sprache.

Stillen braucht Sichtbarkeit, Schutz und Unterstützung – nicht nur in den ersten Wochen, sondern überall dort, wo es gelebt wird: im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit, im Denken.

Solange Muttermilch im Verborgenen als das Beste gilt, aber politisch nicht gefördert wird, bezahlen wir weiter – mit niedrigen Stillraten und gestörten (Still-)Beziehungen.


Quellen:

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Comments (

1

)

  1. Jette

    Liebe alles an diesem Artikel. Stillen wird durch Vormachen erlernt und ist nicht zwangsweise intuitiv. Das zeigt sich besonders darin, dass zahlreiche Frauen einfach aufgeben und nicht stillen, weil es „nicht geklappt hat“. Habe jedoch eine kleine Anmerkung zum Thema Werbung. Pre- Nahrung darf in Deutschland nicht aktiv beworben werden. Es ist immer die Folgemilch, die in Werbungen und Plakaten zu sehen ist.

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